Kurt Schwitters
103 - Ohne Titel (Porträt Helma Schwitters), 1916
Öl auf Leinwand, 44,8 x 39,9 x 2,5 cm
Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001

Kurt Schwitters steht für Collage, Dadaismus, Erneuerung und vor allem für «Merz» – aber nicht für traditionelle Malerei. Schwitters künstlerische Arbeit vor seiner «Merz»-Kunst kennt man kaum. Im Alter von 22 Jahren beginnt Kurt Schwitters 1909 ein Studium an der Akademie der Künste in Dresden. Er besucht die Malklasse und geniesst eine klassische Ausbildung mit Übungen im anatomischen Zeichnen oder der Tiermalerei. 1915 schliesst er das Studium ab.
Dieses Porträt malt Schwitters 1916 kurz nach seinem Studium und der Heirat mit Helma Fischer. Sie ist hier leicht von hinten im Profil dargestellt. Durch ihre Stellung mit dem Blick zur Seite über die Schulter erhält das Bild eine gewisse Spannung. Schwitters malt in groben Pinselstrichen in dickflüssiger Ölfarbe. Gesicht und Haare hält er in natürlichen Farben fest. Mit freieren, bunten Farbtönen umrahmt er das Gesicht, so dass es sich von der Hintergrundfarbe abhebt. Das Halstuch seiner Frau leuchtet in Orange und Gelb hervor. Die etwas dunkleren Orange-Rot-Töne des Hintergrundes bilden einen Kontrast zu den dunklen, schwarzen und besonders den blauen und violetten Farben des Kleides. Schwitters verwendet einen klassischen komplementären Farbkontrast. Er selbst beschreibt diesen Stil in einem Text von 1920 folgendermassen:
«Zuerst war es mir möglich, mich von der wörtlichen Wiedergabe aller Einzelheiten freizumachen. Ich begnügte mich mit der intensiven Erfassung der Beleuchtungserscheinungen durch skizzenhafte Malerei (Impressionismus). In leidenschaftlicher Liebe zur Natur (Liebe ist subjektiv) betonte ich die Hauptbewegungen durch Übertreibung, die Formen durch Beschränkung auf das Wesentliche und Umrandung, die Töne durch Zerlegen in komplementäre Farben.»
Auch wenn Schwitters hier den Impressionismus erwähnt, ist er noch lange kein klassischer Impressionist. Vielmehr ist er mit solchen groben Pinselstrichen und den leuchtenden Farben näher am Expressionismus.