Kurt Schwitters
107 - An Anna Blume, 1920
Plakat, Nachdruck, 84 x 58 cm
Sprengel Museum Hannover

«Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer, Du bist, bist Du?
Die Leute sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füssen und wanderst auf die Hände,
auf den Händen wanderst Du.
Halloh, Deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner; Dich Dir, ich Dir, Du mir, - - - - wir?
Das gehört beiläufig in die kalte Glut!
Anna Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?»
Das ist der Anfang von Kurt Schwitters’ Gedicht «An Anna Blume». Heute ist es Schullektüre und vielleicht das wichtigste dadaistische Liebesgedicht überhaupt. Sie haben gleich gehört, dass es kein klassisches Liebesgedicht ist. Teils ist es mehr Lautmalerei und Wortspiel als bedeutungsvolle Poesie. Der Künstler irritiert mit Grammatikfehlern und ungewohnten Zwischenbemerkungen, die den Raum des Liebesdialogs verlassen. Sinnvolles folgt auf Sinnloses, Bekanntes wird durch neue Verbindungen zu Absurdem. Schwitters erwähnt dazu 1920:
«Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, dass er bislang so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn.»
Schwitters veröffentlicht das Gedicht erstmals 1919 in einem Gedichtband der avantgardistischen Reihe «Die Silbergäule». Dort bezeichnet er es als «Merzgedicht 1». Im folgenden Jahr lässt er das Gedicht als Plakat an den Litfasssäulen in Hannover anbringen. Sein Plakat kommt wie der Hinweis auf eine politische Kundgebung daher. Aber eigentlich ist es ein literarisch-poetisches Erzeugnis – und dazu noch ein dadaistisch-groteskes. Die Werbestrategie funktioniert und Schwitters erhält grosse Beachtung für sich und Anna Blume!