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Kurt Schwitters

109 - Ausgerenkte Kräfte, 1920/1938

Assemblage, Stoff, Druckerzeugnissen, Pappe, Holz, Metall und Öl auf Karton, 105,5 x 86,7 x 9 cm

Kunstmuseum Bern

Kurt Schwitters, Ausgerenkte Kräfte

Diese Assemblage von Kurt Schwitters ist ein hervorragendes Beispiel seiner «Merz-Kunst». Auf den ersten Blick wirkt es wie ein übliches Gemälde. Doch schnell wird sichtbar, dass der Künstler hier nicht nur mit Öl auf Leinwand malt. Vielmehr arrangiert er verschiedene Materialien und Gegenstände zu einer Komposition. Am auffälligsten sind Objekte wie die beiden Holzstücke und die Spiralfeder. Er verwendet aber auch Briefmarken, Ausschnitte aus Zeitungen und Werbungen, Fahrausweise für Bus oder Tram, Tickets für Veranstaltungen: alles Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs. Daneben klebt er verschiedene Papiere und Stoffe auf. Teils bemalt er die Papiere, so dass Blautöne den Farbeindruck prägen. Die flächigen Objekte dienen ihm zur Gestaltung einer geometrischen Komposition aus unregelmässigen eckigen Formen. Dies erinnert an Kompositionen des Kubismus und in seiner wilden Bewegung an den Futurismus. Zusätzlich verwendet Schwitters Materialien, die der Kunst bisher fremd waren: Gegenstände des Alltags, Müll, Gefundenes. 1923 erwähnt Schwitters:

«Wenn dada die Grundlage für eine neue Welt bilden will, indem es aufräumt mit der alten, so will Merz die Kunst aufrichten mit den Trümmern der alten Welt.»

Und 1930 klingt es so:

«Kaputt ist sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz.»

Wahrscheinlich ist das Werk 1920 entstanden, also kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Europa und vor allem Deutschland liegen in Trümmern. Mit der Novemberrevolution von 1918 ist das Kaiserreich am Ende. Es folgt die Weimarer Republik als parlamentarische Demokratie. Deutschland ist geprägt von Chaos, fehlender Ordnung sowie wirtschaftlicher Not. Der Titel dieses Werks «Ausgerenkte Kräfte» könnte eine Anspielung auf diese Situation sein.