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Kurt Schwitters

110 - Merzbau Hannover, 2. Nachbau, 1988

Holz, Polyester, Glas, Stuck, Farbe, Fotoreproduktionen, Glas, elektrische Beleuchtung, 393 x 580 x 460 cm

Sprengel Museum Hannover, Nachbau von Peter Bissegger © Succession Peter Bissegger

Kurt Schwitters, Nachbau des Merzbaus

Das «Vermerzen» in Kurt Schwitters Schaffen zeigt sich am deutlichsten in seinem weltbekannten Merzbau. Dieser ist gewissermassen zum Inbegriff von Schwitters’ «Merzkunst» geworden. Es ist ein Gebilde in einem Innenraum, das stetig wächst und sich durch die Hand des Künstlers über Jahre hinweg verändert. Schwitters «vermerzt» hier alles Mögliche und Unmögliche. Das heisst, er verarbeitet verschiedenste Materialien und Gegenstände zu einer begehbaren Installation unter dem Motto:

«Merz will nicht bauen, Merz will umbauen.»

Der Merzbau beginnt im Kleinen um 1920 in Schwitters’ Atelier im Wohnhaus in Hannover. Hier baut er sogenannte «Merzsäulen»: Turmartig collagiert er Sockel, auf denen eine Art Büsten stehen. Diese beklebt und behängt er mit unterschiedlichen Dingen und Materialien. Die Wände des Ateliers sind ebenfalls mit Papieren und anderen Materialien beklebt und mit Gemälden behängt. In den folgenden Jahren fliessen die Säulen mit der Wandgestaltung zusammen und es entsteht Schritt für Schritt eine begehbare Installation.

«Die Merzsäule wurde zum Merzbau, ein ganzer Raum, rundum gestaltet.»

Vom Atelierraum breitet sich der Merzbau in der gesamten Wohnung aus, über Balkon, Keller, Zisterne bis auf den Dachboden. Als Schwitters 1937 Hannover verlässt, umfasst der Merzbau acht Räume über das gesamte Mehrfamilienhaus verteilt. Der Bau wird mit Holz und Gips immer labyrinthischer und geometrischer. Schwitters baut Grotten zu verschiedenen literarischen, aber auch erotischen Themen. Teils lädt Schwitters befreundete Kunstschaffende wie Hannah Höch dazu ein, eine Grotte zu gestalten. Werke von anderen Kunstschaffenden oder persönliche Gegenstände von Bekannten werden genauso integriert wie jegliches Alltagsmaterial. Der Merzbau ist damit Installation, Architektur, Kunstwerk, aber auch Dokument und Zeitkapsel.

Das Mehrfamilienhaus wird 1943 zerstört und damit ebenfalls der Merzbau. Noch Jahre später im Exil hegt Schwitters Pläne und sucht nach Geldern, um mindestens Teile des Merzbaus aus den Trümmern bergen zu können. Die hier ausgestellte Rekonstruktion entstand in den Jahren 1980 bis 1983 – im Rahmen der von Harald Szeemann konzipierten Ausstellung «Der Hang zum Gesamtkunstwerk». Die Rekonstruktion basiert auf wenigen Fotos aus den 1930er-Jahren sowie den Berichten von Zeitzeugen.