Paul Klee
19 - Glas-Fassade, 1940
Wachsfarbe auf Jute auf Leinwand, 71,3 x 95,7 cm
Zentrum Paul Klee, Bern

Die Entdeckung einer Darstellung auf der Rückseite von Paul Klees Glas-Fassade (1940) in den 1970er-Jahren ist eine grosse Überraschung. Jahrzehntelang war das Bild von einer Übermalung verdeckt. Erst der Zahn der Zeit hat das verborgene Bild freigelegt.
Das Gemälde Glas-Fassade ist eines der Hauptwerke aus Klees Spätwerk. Es gehört zu den wenigen grossformatigen Gemälden und zeigt eine farbenfrohe abstrakte Komposition. Die viereckigen Farbfelder sind nur durch den sinnstiftenden Titel als bunte Glasfassade zu lesen.
Die Rückseite war einst vollflächig rosabraun bemalt. Diese Malschicht wurde mit der Zeit spröde und platzte ab. Erst in den 1990er-Jahren entdeckt so ein Restaurator des Kunstmuseum Bern die darunterliegende Bemalung. Den grössten Teil der rückseitigen Darstellung nimmt das Brustbild einer Figur ein. Mit den spitz zulaufenden Flügeln erinnert sie an Klees Engelbilder. Links davon ist die kopfüberstehende Figur eines Mädchens abgebildet. Auf dem Keilrahmen notierte Klee in Bleistift: «Mädchen stirbt und wird».
Die Figur des Mädchens gründet in Klees Werk Unfall (1939). Diese beschreibt er in seinem Œuvrekatalog als «Vorarbeit zu: ein Mädchen stirbt und wird».
Dieser Titel erinnert an die Zeile «Stirb und werde» aus Johann Wolfgang Goethes Gedicht Selige Sehnsucht (1814). Ein Aufruf zu ständiger Veränderung und Metamorphose – Prinzipien, für die Klee ein grosses Interesse hegte. Im Fall des toten Mädchens scheint es ein Auferstehen als himmlisches Wesen zu sein.