Fokus. Florence Henri (1893-1982)

Florence Henri (New York, 1893 – Compiègne, 1982) überschreitet mit aussergewöhnlicher Freiheit die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie. Sie schafft dabei mit visueller Experimentierfreude Kunstwerke, die auf der Konstruktion neuer Beziehungen zwischen Raum, Form und Wahrnehmung gründen. Ihr Werdegang entfaltet sich in den wichtigsten Zentren der europäischen Avantgarde – Paris, München, Berlin – und ist durch die Erfahrung am Bauhaus geprägt. In diesem Umfeld entsteht Henris eigenständige Bildsprache, die traditionelle Hierarchien der Künste infrage stellt. Sie nimmt zentrale Fragen der visuellen Kultur vorweg, indem sie mit Simulation, Virtualität und der Ambivalenz des Bildes arbeitet.

Die Ausstellung zeichnet ihren künstlerischen Weg in acht thematischen Sektionen nach. In ihnen wird der fortwährende Wille zur Neudefinition ihrer selbst und ihrer Ausdrucksformen sichtbar. Von den frühen Untersuchungen zur malerischen Konstruktion des Raumes bis hin zu den berühmten fotografischen Kompositionen zeigt sich eine Sichtweise, die von der Spannung zwischen Wirklichkeit und Abstraktion sowie zwischen Beobachtung und Erfindung geprägt ist. Für Henri ist das Bild niemals eine blosse Darstellung der Welt, sondern ein Erkenntnisinstrument, ein Feld von Kräften, in dem Linien, Flächen, Volumen und Spiegelungen neue Wahrnehmungsmöglichkeiten erzeugen.

Die Sektion Spiegel, Schatten, Komposition führt in die Rolle der Fotografie – die sie 1927 am Bauhaus durch László Moholy-Nagy für sich entdeckt – als visuelles Labor ein, in dem Spiegelungen, Fotomontagen, Retuschen und Collagen die Wahrnehmung herausfordern. In Antike Klassik und Moderne verbinden sich Landschaften, antike Architekturen und Materialien der Moderne, während Suche nach der Abstraktion in ihrem frühen malerischen Schaffen die zunehmende Abkehr von der naturalistischen Darstellung zugunsten einer autonomen Konstruktion des Bildes dokumentiert. Mit Rückkehr zur Malerei löst Henri ab den 1940er-Jahren kompositorische Strukturen und Raster auf und gelangt zu grösserer Ausdrucksfreiheit sowie zu einem neuartigen, lyrischen Einsatz von Farbe.

In den Sektionen in der Raummitte werden Gemälde und Fotografien einander gegenübergestellt. Sie werfen einen vertiefenden Blick auf Henris visuelles Vokabular, das auf mathematischen Beziehungen, dynamischen Gleichgewichten und strengen räumlichen Strukturen beruht. Von besonderer Bedeutung ist auch Henris Tätigkeit als Porträtistin. Aufnahmen bedeutender Protagonist:innen des Bauhauses sowie eine Gruppe von Porträts und Aktkompositionen zeigen dies.

Durch Werke, Dokumente und Archivmaterialien vermittelt die Ausstellung die Komplexität einer Künstlerin, die das Sehen in einen Impuls für individuelle und kollektive Veränderungen verwandelt hat und uns dazu einlädt, das Verhältnis zwischen Realität und Darstellung neu zu denken.

Eine Ausstellung organisiert vom Zentrum Paul Klee, Bern, und dem Palazzo Ducale, Genua, in Zusammenarbeit mit dem Archiv Florence Henri.

Kuratoren: Giovanni Battista Martini und Roberto Lacarbonara

In der englischsprachigen Podcast-Reihe bauhaus faces können Sie mehr über Florence Henri erfahren:

bauhaus faces podcast: Florence Henri

1 Spiegel, Schatten, Komposition

2 Antike Klassik und Moderne

3 Suche nach der Abstraktion

4 Rückkehr zur Malerei

A Ebenen und Überschneidungen

B Geist der Geometrie

C Porträts

D Porträts und Aktkompositionen

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