5. «Merzzeichnungen» I: Spiegel der Gegenwart
Ab 1918 fertigt Kurt Schwitters Collagen an, die er «Merzzeichnungen» nennt. Er nutzt gefundene Materialien wie Papier, Zeitungsausschnitte, Billette, Werbezettel, Federn oder Stoffe. Die Bildfläche bestreicht er mit Kleister und ordnet die verschiedenen Teile zu einer Komposition. Schwitters interessiert sich für die Eigenschaften verschiedener Materialien – Struktur, Farbe, Leuchtkraft – und welche künstlerischen Wirkungen er damit erzielen kann. Manche Werke bestehen nur aus abstrakten Formen. Andere enthalten Textfragmente und Bilder aus der Werbung. Sie erinnern an die sich rasch verbreitende Konsumkultur oder an politische Ereignisse. Einige Werke verweisen auf Schwitters’ Reisen und seine zahlreichen Kontakte im In- und Ausland. Schwitters will mit seinen «Merzzeichnungen» keine klaren Botschaften vorgeben. Die «Merzzeichnungen» haben dementsprechend keine eindeutige Bedeutung. Typisch sind Anspielungen auf alltägliche Erlebnisse und persönliche Erfahrungen und das spielerische Kombinieren von Sprache und Material.
Hintergrund: Die «Merzzeichnungen» von Kurt Schwitters knüpfen an die dadaistische Collage-Technik an, die auch als «Montage» bezeichnet wurde. Für die Dadaist:innen gilt die Montage als radikale, neuartige Kunstform für das moderne Medien- und Industriezeitalter. Mit der Montage sollen die «Zerrissenheit», die Gewalt, die Widersprüchlichkeit und die vielfältigen Probleme in der Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg bildhaft gespiegelt werden. Im Gegensatz zu den politisch aufgeladenen Collagen der Dadaist:innen besitzen die «Merzzeichnungen» von Schwitters einen unpolitischen und subjektiven Charakter. Material, Form und Komposition stehen im Vordergrund.