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4. Das «Merz»-Prinzip

Ab 1919 nennt Kurt Schwitters seine Kunst «Merz». Der Begriff ist sinnfrei und leitet sich vom Wort «Commerzbank» ab. Er verkörpert die Idee, Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauszulösen – und aus Bestehendem Neues zu schaffen. In «Merzbildern» kombiniert Schwitters Fundstücke und Farbe zu abstrakten Kompositionen. Die Werke enthalten Gegenstände und verwischen so die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur. Schwitters nutzt auch Abfall und Weggeworfenes. Er komponiert präzise und überlässt nichts dem Zufall. Seine frühen «Merzbilder» vermitteln eine beklemmende Stimmung und erinnern mit rotierenden Bewegungen an ein mechanisches Universum. Sie thematisieren Fortschritt, Revolution und Veränderung, aber auch die Angst vor dem Chaos und die Sehnsucht nach Ordnung. 

Hintergrund: Nach dem Ersten Weltkrieg erlebt Schwitters den Zusammenbruch des Kaiserreichs (1918) und die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der Novemberrevolution (1918–1919). Die junge Weimarer Republik (1919–1933) schwankt zwischen demokratischem Aufbruch und radikalen Gegensätzen, zerrissen von wirtschaftlicher Not, politischer Gewalt und ideologischen Extremen. Die «Merzkunst» entsteht als künstlerische Antwort auf dieses Chaos und den Niedergang der alten Weltordnung. Im Gegensatz zum Dadaismus verfolgt Schwitters keine politische Agenda, sondern stellt die Freiheit der Kunst ins Zentrum. Er sucht eine «innere Revolution» durch Kunst, die der Zerrissenheit der Welt eine harmonische Ordnung entgegensetzt. Die Menschen sollen von den Sorgen des Alltags «befreit» werden. Obwohl Schwitters die «Merzkunst» als neuartige Kunstströmung präsentiert, ist «Merz» vor allem eine Marke für sich und seine Kunst.

4.1 Der Merzbau

Ab 1923 entsteht in Kurt Schwitters’ Wohnhaus und Atelier in Hannover der sogenannte Merzbau: eine raumfüllende Konstruktion aus Holz, Gips, Karton, Fundstücken und Kunstwerken, die sich über mehrere Zimmer erstreckt und sich laufend verändert. Der Merzbau entwickelt sich über Jahre zu einem komplexen, höhlenartigen Gebilde mit Nischen und Säulen. Schwitters integriert darin zahlreiche persönliche Objekte und Sammlungsgegenstände. Mit dem Merzbau entwirft Schwitters eine begehbare «Lebens-Collage», die er bei Gelegenheit für Freunde und Unterstützer präsentiert, nicht aber für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Heute gilt der Merzbau als frühes Beispiel für Installationskunst. Da das Haus im Zweiten Weltkrieg zerstört wird, ist der Merzbau heute nur noch durch wenige Aufnahmen und Berichte sowie durch zwei Nachbauten dokumentiert.

Hintergrund: Der Merzbau entsteht in einer Phase, in der sich Schwitters zunehmend von der Malerei hin zu raumgreifenden Arbeiten bewegt. Er versteht ihn als Ausdruck seiner persönlichen Welt und als Gegenentwurf zu traditionellen Kunstformen. Mit der Flucht aus Deutschland 1937 muss er ihn in Hannover zurücklassen. 1943 wird er von einer Bombe zerstört. Der Verlust trifft Schwitters so sehr, dass er im englischen Exil noch jahrelang der Idee anhängt, Teile des Merzbaus aus den Trümmern zu retten. Auf Basis von Aufnahmen aus den 1930er-Jahren fertigte der Schweizer Bühnenbildner Peter Bissegger in den 1980er-Jahren schliesslich zwei Nachbauten des Hauptraums des Merzbaus an,, wovon einer hier gezeigt wird.

4.2 Konstruktivistische Bilder

Ab den 1920er-Jahren malt Schwitters auch konstruktivistische Bilder: Gemälde mit klaren, geometrischen Formen, präzisen Kompositionen und kräftigen Farben. Der Konstruktivismus ist eine revolutionäre Kunstbewegung, die Ordnung, Struktur und Funktion betont. Er entstand in Russland in den Jahren vor der russischen Revolution. Die konstruktivistische Kunst soll eine neuartige, abstrakte Kunst für eine neue Welt im Aufbau sein. Schwitters pflegt Freundschaften mit wichtigen Vertreter:innen des Konstruktivismus wie El Lissitzky aus der Sowjetunion, Theo van Doesburg aus den Niederlanden und László Moholy-Nagy aus Ungarn. Mit ihnen teilt er die Idee, Kunst als harmonisches, «rationales» System zu gestalten.

4.3 Merzhytta, Hjertøya

Seit 1932 nutzt Kurt Schwitters mit seiner Familie eine einfache Hütte auf der Insel Hjertøya bei Molde in Norwegen als Aufenthaltsort im Sommer. Das ehemalige Kartoffellager richtet er schlicht ein und beginnt, den Innenraum im Sinne eines neuen «Merzbaus» zu gestalten. Er collagiert Wände mit Papierfragmenten, baut Holzverstrebungen und bemalt sie. Nach Schwitters' Tod ist die Hütte den Elementen preisgegeben und verfällt. Der kunsthistorische Wert der Hütte als einzigartiges Zeugnis der Avantgarde an einem äusserst ungewöhnlichen Ort wird erst Jahrzehnte später erkannt. In den 2010er-Jahren werden die Reste der Hütte konserviert und in einer aufwändigen Rettungsaktion ins Romsdal Museum in Molde überführt. Dort kann sie heute in rekonstruierter Form besichtigt werden.

4.4 Skulpturen

Schwitters’ Skulpturen sind nur wenig bekannt. Sie entstehen ab 1937 in Norwegen und in England. Schwitters verwendet dabei einfache Materialien, die seine einfachen Lebensverhältnisse widerspiegeln. Daraus entwickelt er poetische Konstruktionen. Kern der Skulpturen sind oft Stücke von Schwemmholz, Knochen oder Wurzeln, die eine Form vorgeben. Die Fundstücke überzieht er mit Gips. Die Skulpturen erhalten so eine abstrakte Form und einen improvisierten, experimentellen Charakter. Sie wirken wie Modelle für kommende, grossformatige Objekte. Gleichzeitig sind die Skulpturen Ausdruck der Idee, Kunst aus Alltagsmaterialien entstehen zu lassen, die gezielt ausgewählt und zu etwas Neuem verwandelt werden.

4.5 Merz Barn, Elterwater

1944 erfährt Kurt Schwitters in England von der Zerstörung des Merzbaus in Hannover. 1947 erhält er vom Museum of Modern Art in New York ein Stipendium von 1’000 US-Dollar, um die Überreste zu sichern – dies erweist sich aber als unmöglich. Schwitters nutzt das Geld stattdessen, um einen neuen «Merzbau» in einer Scheune beim englischen Dorf Elterwater im Lake District zu errichten. Trotz seines schlechten Gesundheitszustands beginnt er, eine Wand der Scheune in eine Skulptur zu verwandeln. Als er am 8. Januar 1948 stirbt, bleibt die Merz Barn unvollendet. Die von Schwitters bearbeitete Wand der Scheune existiert noch und befindet sich heute in der Hatton Gallery in Newcastle.

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