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3. Dadaistische Experimente

Nach dem Ersten Weltkrieg kommt Kurt Schwitters in Berlin mit dem Dadaismus in Berührung. Mit ihm teilt er das radikale Hinterfragen der traditionellen Kunst und eine Beschäftigung mit Sinn und Wert in einer unberechenbar gewordenen Welt. Auch die Freude am Experiment und der Wunsch, eine «zeitgenössische» Kunst zu schaffen, die direkt auf die Probleme der Gegenwart reagiert, teilt er mit dem Dadaismus. Schwitters empfindet den Dadaismus allerdings als zu zerstörerisch und negativ. Stattdessen entwickelt er seine eigene Kunstauffassung, die Harmonie und Ordnung anstrebt und das Ideal einer freien Kunst hochhält.

Hintergrund: Dada ist eine internationale Kunst- und Literaturbewegung, die sich im Ersten Weltkrieg in Zürich formiert. Mit provokanten, oft absurden Mitteln stellen die Dadaist:innen die traditionellen Regeln der Kunst infrage. Die gesellschaftliche Elite, die den Krieg in Europa legitimierte, gilt für sie als korrupt und heuchlerisch. Die «schöne» Literatur und Kunst ist für sie ein Komplize von Gewalt und Kriegspropaganda. Anstelle von klassischen Ausstellungen tritt der Dadaismus vor allem mit Soiréen und experimentellen Zeitschriften in Erscheinung. Nach Kriegsende verlagert sich der Dadaismus unter anderem nach Deutschland. Schwitters begegnet der Bewegung 1918 in Berlin, wo er Künstler:innen wie Raoul Hausmann, Hannah Höch und Hans Arp kennenlernt. Aufgrund von künstlerischen und politischen Differenzen wird er nicht in die Dada-Gruppe aufgenommen. Die Begegnung führt aber dazu, dass sich die Aktivitäten von Schwitters vervielfältigen. In Manifesten legt er seine Haltung dar und wirbt humorvoll und energisch um Unterstützung.

3.1 Aquarelle und «Stempelzeichnungen»

Schwitters’ Nähe zum Dadaismus zeigt sich in mehreren Werkgruppen der späten 1910er-Jahre, etwa in seinen Aquarellen und «Stempelzeichnungen». Die Aquarelle wirken leicht und verspielt, mit freischwebenden Motiven, die durch Linien und Pfeile verbunden sind. Die «Stempelzeichnungen» verbinden Sprache, Zeichen und Bild und spielen mit Bedeutung und Form. Vermutlich entstehen sie in den Büroräumen der Galerie «Der Sturm», wo Schwitters Stempel aus der Büroarbeit für seine Kunst nutzt.

3.3 Postkarten

Der Maler, Grafiker, Publizist und Kunsthistoriker Walter Dexel ist ein enger Freund von Schwitters und ein wichtiger Förderer der Avantgarde. Schwitters schickt ihm und seiner Frau Erna zahlreiche collagierte Postkarten, die den Charakter von kleinen Kunstwerken haben. Sie verbinden die dadaistische Arbeitsweise mit originell kombinierten, montierten Fundstücken aus dem Alltag mit persönlichen Grüssen und Anspielungen. Sie gelten als frühe Beispiele für die Idee, Kunst in den Alltag zu integrieren, und als Vorläufer der späteren Mail-Art-Bewegung. 

3.2 Anna Blume

Mit dem Gedicht An Anna Blume (1919) erregt Schwitters öffentliches Aufsehen. Das Gedicht ist eine Parodie eines romantischen Liebesgedichts. Es besteht aus Alltagssprache und Textteilen aus den Massenmedien oder der Werbung – ohne einen durchgehenden Sinn zu ergeben. In Feuilletons wird es als «entsetzlicher Unsinn» kritisiert. Doch gerade die Kritik verschafft Schwitters mediale Aufmerksamkeit. Er lässt das Gedicht auch im öffentlichen Raum als Plakat anbringen. Frauen dürfen 1919 erstmals bei politischen Wahlen antreten – mit An Anna Blume mischt sich Schwitters unter die Wahlwerbung und greift die gesellschaftliche Umbruchstimmung auf.

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