7. «Merzgrafik» und Neue Typografie
Ab 1923 arbeitet Kurt Schwitters professionell als Grafiker und Schriftgestalter. 1924 gründet er die «Merz-Werbezentrale». Bald erhält er erste Aufträge von Unternehmen, darunter bekannte Firmen wie die Keksfabrik Bahlsen oder der Tintenhersteller Pelikan. Ab 1929 gestaltet er im Auftrag der Stadt Hannover offizielle Drucksachen. Seine Kunden nutzen die neuartige und damals unkonventionelle Typografie, um sich als moderne und fortschrittliche Unternehmen zu präsentieren. Schwitters ist überzeugt, dass gute Gestaltung das Leben der Menschen verbessern kann. Gleichzeitig nutzt er Druckabfälle und Testdrucke, um sie zu Collagen zu verarbeiten oder direkt interessante Ausschnitte zu Kunstwerken zu erklären.
Hintergrund: In den 1920er-Jahren ist die Verbindung von Kunst und Design ein zentrales Anliegen vieler Avantgarde-Bewegungen. Ihr Ziel ist eine umfassende «Gestaltung des Lebens». Kunst soll den Alltag prägen – von Architektur über Möbel bis zur Typografie. Dahinter steht die Überzeugung, dass gute Form und funktionale Gestaltung zur sozialen Erneuerung beitragen können. In einer Zeit des technischen Fortschritts und gesellschaftlicher Umbrüche gilt die Einheit von Kunst und Design als Weg in eine moderne, demokratische Gesellschaft. Schwitters schliesst sich mit dem 1928 gegründeten «ring neue werbegestalter» dieser Vision an. Das Ziel dieser Vereinigung ist es, die Prinzipien der Neuen Typografie und der modernen Werbung zu verbreiten und die Gestaltung nicht nur als technische, sondern als kulturelle Aufgabe zu etablieren.