Digital Guide

9. Flucht nach Norwegen

Ab 1929 reist Kurt Schwitters regelmässig mit seiner Familie nach Norwegen. Die raue Landschaft und das nördliche Licht inspirieren ihn. Hier wendet er sich wieder verstärkt der Landschafts- und Porträtmalerei zu. 1937 emigriert er nach Norwegen, wo diese Aufträge ihm das Überleben sichern. Häufig nutzt Schwitters Porträts oder Landschaftsbilder auch als Zahlungsmittel, um zu überleben oder Material zu beschaffen. 

Von der Forschung werden diese Werke lange ignoriert oder für unbedeutend gehalten. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass sich hinter der scheinbaren Idylle dieser Bilder existentielle Fragen verbergen. Zudem erzählen sie eine Geschichte von Migration, Entwurzelung und Vereinsamung, die typisch für die internationale Avantgarde ist. Sie zeigen auch Schwitters’ technische Fähigkeiten als gegenständlicher Maler und seine ungewöhnliche Fähigkeit, sich rasch an neue Verhältnisse anzupassen und Wege zu finden, seine Kunst weiterzuführen. 

Hintergrund: 1936 flieht Schwitters’ Sohn Ernst nach Norwegen, da er wegen seiner Beteiligung an einer sozialistischen Widerstandsgruppe und einer drohenden Ausreisesperre eine Verhaftung befürchtet. 1937 folgt ihm Kurt Schwitters nach. Aufgrund der politischen Lage entscheidet er sich, ebenfalls in Norwegen zu bleiben. Seine Frau Helma bleibt in Hannover zurück, um sich um Familie und Immobilien zu kümmern. Kurt und Ernst Schwitters lassen sich zunächst in Lysaker bei Oslo nieder. Anschluss an die Kunstszene findet er dort aber nicht – eine avantgardistische Bewegung wie in Deutschland gibt es kaum. Mit der Zeit empfindet er sein Exil als künstlerische Isolation. Um den Kontakt zu seinem Netzwerk zu halten, verschickt er Briefe und Collagen, besonders in die Schweiz, wo er enge Beziehungen zum Grafiker Jan Tschichold, zum Kunsthistorikerpaar Siegfried und Carola Gideon-Welcker sowie zum Künstler Hans Arp pflegt.

9.1 Fotografien aus dem Alltag

Fotografien aus Schwitters’ Zeit in Norwegen dokumentieren die prekären Lebensumstände des Künstlers, der fast seinen ganzen Besitz in Deutschland zurücklassen muss, aber auch seine tiefe Begeisterung für die Natur. Aufnahmen zeigen ihn beim Porträieren von Hotelgästen oder beim Malen unter freiem Himmel, ganz in die Landschaft versunken. In den Sommermonaten wohnt er mit seinem Sohn in einer Hütte auf der Insel Hjertøya. Häufig hält er sich auch in der Region Møre og Romsdalund am Bergsee Djupvatnet auf, einem beliebten Ziel für den Tourismus.

9.2 Fotoalbum

Das Fotoalbum von Schwitters aus seiner Zeit in Norwegen geht weit über private Erinnerungen hinaus. Auf vielen Seiten finden sich Aufnahmen von Gesteinsformationen, Fjordlandschaften und Gletscherhöhlen, die Schwitters mit grosser Aufmerksamkeit festhält. Die Fotos zeigen seine Beschäftigung mit Naturformen, die er in Zeichnungen und Gemälden in eine abstrakte Bildsprache überträgt.

Schliessen