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Roberto Burle Marx. Modernismo tropical

Einleitung

Roberto Burle Marx (1909–1994) gehört zu den Protagonisten der brasilianischen Moderne. Er war ein vielseitiger Gestalter, der sich in verschiedensten Medien – Malerei, Zeichnung, Tapisserien, Wandbilder und Schmuck – der Abstraktion zuwandte. Heute ist er vorwiegend für seine Landschaftsarchitekturprojekte bekannt. Ab den 1930er-Jahren revolutioniert er die Gartengestaltung in Brasilien, indem er einheimische Pflanzen einsetzt. Diese werden bis dahin von der Elite im Gegensatz zu europäischen Pflanzen als minderwertig erachtet. Er bricht mit dem hierarchischen Blick auf die Pflanzenwelt und macht die einheimischen Pflanzen salonfähig. Damit verfolgt er ähnliche Ziele wie die brasilianische Avantgarde, die in der Bildenden Kunst, in der Literatur und Musik eine Neubewertung der eigenen Kulturen vornimmt. Bei seinen Gartenprojekten arbeitet er oft mit Massenpflanzungen, bei denen klar umrissene, organisch geschwungene oder orthogonale Flächen dicht mit einer bestimmten Pflanzenart bepflanzt werden. So entstehen, wie in der Malerei, nebeneinander gesetzte Flächen, die sich in Form, Farbe oder Textur kontrastieren.

Burle Marx ist ein ausgesprochen interdisziplinärer Künstler, der auch Schmuck, Theaterkostüme und Bühnenbilder gestaltet. Für Innenräume entwirft er grossformatige Tapisserien und für seine Parkanlagen Fliesen- oder Mosaikwandbilder und Betonreliefs. Für die Strandpromenade Copacabana in Rio de Janeiro entwickelt er eine Bodengestaltung aus Pflastersteinen in Rot, Weiss und Schwarz, die sich in abstrakten Formen den Strand entlangzieht. Mit den öffentlichen Parkanlagen erschafft Burle Marx für die stark wachsende städtische Bevölkerung Erholungsräume und Berührungspunkte mit der Natur.

Viele der eingesetzten Pflanzen sammelt er auf Exkursionen in entlegenere Gebiete. Im heutigen Sítio Roberto Burle Marx legt er eine umfangreiche Pflanzensammlung an, die seltene Arten umfasst, die in der freien Natur verschwunden sind. Bereits in den 1960er-Jahren setzt sich Burle Marx gegen die Entwaldung und die Zerstörung der Artenvielfalt ein. Er ist damit einer der ersten Umweltschützer, der sich in Brasilien für die Biodiversität engagiert. Burle Marx brachte Ökologie, Urbanismus und Kunst in einzigartiger Weise zusammen – ein Aspekt, der sein Schaffen bis heute besonders relevant und faszinierend macht.

Eine Ausstellung vom Zentrum Paul Klee und der Fundación Juan March, in Zusammenarbeit mit dem Instituto Burle Marx und mit der Unterstützung vom Sítio Roberto Burle Marx.

Chronologie

1909
Roberto Burle Marx wird am 4. August in São Paulo als viertes von sechs Kindern von Cecília Burle, einer brasilianischen Pianistin, und Wilhelm Marx, einem deutschjüdischen Lederhändler, geboren. Klassische Musik und literarische Salons gehören zum Alltag. Die europäische Kultur ist ebenso präsent wie die brasilianische. 

1916
Roberto bekommt von seiner Tante Evangelina Burle eine Alocasia cuprea geschenkt und beginnt seine erste Pflanzensammlung. 

1928
Die Familie lässt sich für eineinhalb Jahre in Berlin nieder. Burle Marx besucht Museen, Konzerte, Ballettvorführungen und Opern. Die Werke der europäischen Avantgarde beeindrucken ihn besonders und er beschliesst, sich der Malerei zu widmen. Gleichzeitig zieht er eine Karriere als Bariton in Betracht.

In den Gewächshäusern des Botanischen Gartens Berlin Dahlem bemerkt er die ausserordentliche ästhetische Vielfalt der brasilianischen tropischen Flora. Er fertigt erste Skizzen von Landschaften, Gärten, Blumen und Stadtszenen an.

1930
Nach der Rückkehr nach Brasilien schreibt er sich an der Kunsthochschule in Rio de Janeiro für Architektur ein, wechselt aber bald zur Malerei.

Getúlio Vargas führt eine Revolution an, die eine Ära politischer und sozialer Reformen einleitet und den Modernismus als offizielle Formensprache für den Aufbau der neuen Nation etablieren will.

1932
Auf Einladung der Architekten Lucio Costa und Gregori Warchavchik entwirft Burle Marx seine ersten Gärten und integriert tropische Flora in die moderne Architektur.

1934
Burle Marx übernimmt die Leitung der Abteilung für öffentliche Parkanlagen und Gärten in Recife, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaats Pernambuco.

1937
Getúlio Vargas ruft den Estado Novo aus. Aus der Republik wird eine repressive Diktatur.

Burle Marx’ Tätigkeit in Recife kommt nach politischen und ästhetischen Kontroversen zu einem Ende. Er kehrt nach Rio de Janeiro zurück, wo er als Assistent von Candido Portinari arbeitet.

1938
Burle Marx wird eingeladen, als Landschaftsarchitekt am Neubau des Ministeriums für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro mitzuwirken. Er realisiert seinen ersten öffentlichen Park in Rio de Janeiro, die Praça Senador Salgado Filho, sowie private Gärten.

1940
Das Auftragsvolumen nimmt signifikant zu und Burle Marx bestreitet sein erstes Grossprojekt: Zusammen mit dem Architekten Oscar Niemeyer gestaltet er den neuen Stadtteil Pampulha bei Belo Horizonte.

1941
Im Salão de Exposições der Associação de Artistas Brasileiros im Palace Hotel von Rio de Janeiro findet seine erste Einzelausstellung statt.

1943
Die Ausstellung Brazil Builds: Architecture New and Old, 1652–1942 im Museum of Modern Art in New York zeigt Arbeiten von Burle Marx und verschafft ihm international Anerkennung.

1945
Getúlio Vargas wird abgesetzt. Es folgt eine politische Öffnung und Redemokratisierung Brasiliens. Die internationale Ausstrahlung des Werks von Burle Marx nimmt in diesem Kontext weiter zu.

1946
In der Galeria Itapetininga in São Paulo wird der Malerei von Burle Marx eine Einzelausstellung gewidmet. Seine Bildsprache wird zunehmend abstrakt.

1949
Zusammen mit seinem Bruder Guilherme Siegfried erwirbt er den Sítio Santo Antônio da Bica in Barra de Guaratiba bei Rio de Janeiro. Burle Marx transformiert das ehemalige Zuckerrohrgut mit Gewächshäusern und Pflanzgärten für seine Pflanzensammlung in ein botanisches Labor, das zentral für seine landschaftsarchitektonische Arbeit wird.

1950
Er unternimmt seine erste Sammelexpedition ins Amazonasgebiet.

Zusammen mit Künstlern wie Candido Portinari, Di Cavalcanti, Flávio de Carvalho, Alfredo Volpi und Victor Brecheret stellt Burle Marx im brasilianischen Pavillon der XXV. Biennale von Venedig aus.

Er entwirft sein erstes Bühnenbild und die Kostüme für das Stück As águas, das im Teatro Fênix in Rio de Janeiro aufgeführt wird.

1951
An der I. Bienal de São Paulo werden drei Ölgemälde und der von ihm gestaltete Schulgarten in Niterói präsentiert.

1952
Das Museu de Arte de São Paulo widmet Burle Marx eine Retrospektive, die die interdisziplinäre Dimension seines Werks betont. Sie wird im Anschluss in verschiedenen US-amerikanischen und europäischen Städten gezeigt.

1953
An der ersten internationalen Architekturausstellung, die im Rahmen der II. Bienal de São Paulo stattfindet, wird Burle Marx der Preis für Landschaftsarchitektur für seine Gestaltung der Residência Odette Monteiro verliehen.

Er schlägt ein ambitioniertes landschaftsgestalterisches Projekt für den Parque do Ibirapuera vor, das jedoch nicht ausgeführt wird.

1954
Burle Marx wird zum Professor für Landschaftsarchitektur an der Fakultät für Architektur der Universidade do Brasil (heute Universidade Federal do Rio de Janeiro) ernannt.

1955
In Rio de Janeiro gründet er zusammen mit seinem Bruder Siegfried das Landschaftsarchitekturbüro Burle Marx & Cia. Ltda.

1956
Burle Marx arbeitet an mehreren Projekten in Venezuela, darunter am grossflächigen Parque del Este in Caracas.

Sein Werk erfährt Anerkennung in Europa durch die Ausstellung Roberto Burle Marx: Brazilian Landscape and Garden Design im Institute of Contemporary Arts in London, die anschliessend im Kunstgewerbemuseum in Zürich, im Stedelijk Museum in Amsterdam, im Palais des Beaux-Arts in Brüssel sowie in Rom und Neapel gezeigt wird.

Juscelino Kubitschek wird zum Regierungspräsidenten gewählt.

1961
Er gestaltet den riesigen Park Parque do Flamengo, der eines der wichtigsten urbanistischen Projekte und Naherholungsgebiet Rio de Janeiros wird.

Für die von Juscelino Kubitschek 1960 neu gegründete Hauptstadt Brasília entwickelt er landschaftsarchitektonische Projekte im grossen Stil, die jedoch nicht realisiert werden.

1963
Burle Marx erhält den Grossen Preis für Schmuckdesign an der I. Bienal de Joias, die parallel zur VII. Bienal de São Paulo stattfindet. Seit den 1950er-Jahren entwirft er Schmuck, der von seinem Bruder Haroldo umgesetzt und vermarktet wird.

Er gestaltet sechs Gärten in den Innenhöfen des UNESCO-Hauptsitzes in Paris.

1964
Ein Putsch führt zur Absetzung des Präsidenten João Goulart. Eine über mehr als zwei Jahrzehnte dauernde Militärdiktatur setzt tiefgreifende politische und kulturelle Veränderungen in Gang.

1965
Burle Marx wird Mitglied des Bundeskulturrats und setzt sich innerhalb der Militärdiktatur für den Schutz von einheimischen Arten und Landschaften ein. Er macht auf die Folgen von Brandrodungen, Klimaveränderungen und den Rückgang der Artenvielfalt aufmerksam und hält in den folgenden Jahren Vorträge über Naturschutz, Artensterben und Erosion.

In Brasília gestaltet er die Gärten des Aussenministeriums. Für den Bankettsaal schafft er eine abstrakte Tapisserie von 26 Metern Länge.

1968
Die Architekten Haruyoshi Ono und José Tabacow werden Partner von Burle Marx & Cia. Ltda. und erweitern die Kapazitäten des Büros. Ono führt das Büro nach Burle Marx’ Tod weiter.

1970
Die XXXV. Biennale von Venedig widmet Burle Marx eine eigene Sektion mit Gemälden und Landschaftsprojekten.

Er gestaltet die Strandpromenade Copacabana in Rio de Janeiro sowie die Praça dos Cristais für das Militärministerium und die Gärten des Justizministeriums in Brasília.

1973
Burle Marx verlegt seinen Wohnsitz in den Sítio Santo Antônio da Bica und baut das Anwesen weiter aus.

Er verurteilt öffentlich die Verwendung hochgiftiger chemischer Herbizide für die Entwaldung des Amazonas und warnt vor den ökologischen und sozialen Auswirkungen. Dies löst eine breite Berichterstattung in den nationalen Medien aus. Er wird so zu einem der ersten Umweltschützer in Brasilien.

1974
Burle Marx gibt sein Amt im Bundeskulturrat aus Protest gegen dessen Institutionalisierung unter der Diktatur und gegen die systematische Gleichgültigkeit gegenüber Umweltverbrechen auf. Er äussert seine Kritik in den folgenden Jahren in Vorträgen und bei einem Auftritt vor dem brasilianischen Senat.

1983
Er unternimmt mit einem Team von Gärtnern, Botanikern, Agronomen und Freunden eine elftausend Kilometer lange Expedition zur Sammlung von Pflanzen im Amazonasgebiet.

1985
Um die Erhaltung seines Schaffens sicherzustellen, schenkt Burle Marx der Bundesregierung Brasiliens den Sítio Santo Antônio da Bica, mit seiner botanischen und künstlerischen Sammlung. Der Sítio wird offiziell in Sítio Roberto Burle Marx umbenannt und 2021 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Die Militärdiktatur endet und ein langsamer Prozess der Redemokratisierung beginnt.

1991
Das Museum of Modern Art in New York eröffnet die grosse Retrospektive Roberto Burle Marx: The Unnatural Art of the Garden, die massgeblich zu seiner Anerkennung als einem der einflussreichsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts beiträgt.

1993
Zusammen mit Haruyoshi Ono plant Burle Marx weitere internationale Grossprojekte wie den Kuala Lumpur City Centre Park in Malaysia oder das nicht realisierte Projekt für den Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.

1994
Roberto Burle Marx stirbt am 4. Juni.

Begleitprogramm

Roberto Burle Marx – Denken im Systema naturae
Sonntag, 8. November 2026, 15:00
Vortrag mit anschliessendem Gespräch in der Ausstellung
Der international tätige Landschaftsarchitekt Maurus Schifferli erklärt, wie Burle Marx Prinzipien der Pflanzenverwendung zwischen Botanik, Städtebau und Landschaftsarchitektur entwickelte.
 

Welche Bedeutung hat Burle Marx’ Landschaftsarchitektur heute?
Sonntag, 29. November 2026, 15:00
Podiumsdiskussion im Forum mit:
Robin Winogrond (Landschaftsarchitektin / Urban Designerin, Zürich), Glenn Fischer (Landschaftsarchitekt / Brasilien-Experte, Bern), Martina Voser
(Professorin für Landschaftsarchitektur ETH Zürich / Partnerin bei mavo Landschaften). Moderation: Daniel Baur (Professor für Landschaftsarchitektur FH Bern / Mitgründer Büro Bryum, Basel)
 

Erkunden Sie die Pflanzenwelt von Roberto Burle Marx
Führungen im Botanischen Garten der Universität Bern mit Katja Rembold
Donnerstag, 3. Dezember 2026
Dienstag, 12. Januar 2027
Dienstag, 2. Februar 2027
jeweils 18:00, Treffpunkt: Palmenhaus
Eine Zusammenarbeit mit dem BOGA Bern
 

Führungen
Kunst über Mittag
Dienstags, 12:30 (Jede 2. Woche, siehe Website)
 

Öffentliche Führung
Samstags, 15:00 / Sonntags, 13:30
 

Visites guidées / Guided tours / Visite guidate
Français : 15.11.2026 / 6.12.2026, 15:00
English: 22.11.2026 / 13.12.2026, 15:00
Italiano: 1.11.2026 / 17.1.2027, 15:00
 

Einführung für Lehrpersonen
Mittwoch, 21. Oktober 2026, 14:00
Eine Einführung für Lehrpersonen zur Ausstellung
mit Tipps für den Besuch mit der Schulklasse
 

Bilderclub
Samstag, 31. Oktober 2026, 11:00 – 12:30
Donnerstag, 10. Dezember 2026, 15:00 – 16:30
 

Sinn-Reich
Samstag, 12. Dezember 2026, 13:00
Eine alle Sinne ansprechende Führung für Menschen mit und ohne Behinderung. Mit Gebärdensprachdolmetscher:in und induktiver Höranlage

 

Creaviva
Interaktive Ausstellung Jardim Vivo
Di – So, 10:00 – 17:00
Interaktive Antwort auf die Ausstellung Roberto Burle Marx. Modernismo tropical
Für Familien mit Kindern ab 4 Jahren, Eintritt frei
 

Offenes Atelier
Di – Fr 14:00 / 16:00
Sa – So 12:00 / 14:00 / 16:00
Einstündige Gestaltungsworkshops mit monatlich wechselnden Themen und Techniken in Anlehnung an die Ausstellung.
Für Kinder ab 4 Jahren, Erwachsene und die ganze Familie
 

Familienmorgen
Sonntags, 25.10.2026 – 7.2.2027, 10:15 – 11:30
Workshop im Atelier mit interaktiver Führung durch die Ausstellung: Mit Roberto Burle Marx den eigenen künstlerischen Ausdruck entdecken.
Für Familien mit Kindern ab 4 Jahren
 

Blaue Stunde
Dienstag, 27. Oktober 2026, 17:30 – 19:00
Begegnung mit Roberto Burle Marx: Inspiriert von seinem eindrücklichen Schaffen entstehen eigene, unverwechselbare Werke im Atelier.
Kunstkurs für Erwachsene (ab 16 Jahren) mit einfachem Werkstattapéro
 

Goldener Morgen
Samstag, 5. Dezember 2026, 9:30 – 11:30
Der Samstagvormittag steht im Zeichen der Kunst von Roberto Burle Marx. Im Atelier werden Eindrücke der Ausstellung in gestalterische Prozesse überführt.
Kunstkurs für Erwachsene (ab 16 Jahren) mit Kaffee und Zopf

 

Impressum

Digital Guide

Umsetzung: Netnode AG
Projektleitung: Dominik Imhof
Übersetzungen: Gegensatz Translation Collective

Das Zentrum Paul Klee ist barrierefrei und bietet inklusive Veranstaltungen an.

Kultur inklusive

Publikation

Der Katalog zur Ausstellung lädt zum Eintauchen in Burle Marx’ vielseitiges Schaffen ein. Er erscheint in deutscher und englischer Ausgabe im Snoeck Verlag. Erhältlich im Museumsshop.

In Zusammenarbeit mit

Fundación Juan March 
Sítio Roberto Burle Marx 
Instituto Burle Marx 

Mit Unterstützung von

Kanton Bern 
Bundesamt für Kultur 
Burgergemeinde Bern 
Scherbarth Stiftung

Medienpartner

Der Bund 

Ausstellungstexte